Die britische Band HUNTED legt uns ihr Debut-Album mit dem klangvollen Namen “Welcome the Dead” vor und sofort hab ich mir das mal zum Zwecke des ersten Reinhörens auf den iPod gezerrt. Am nächsten Morgen erfüllte ich dann meinen Plan und hab mein iPod im Morgengrauen gegen sechs Uhr ans Radio gefrickelt und machte mich auf den Weg zur Arbeit.
Ein ambientgeladenes Intro mit Soundeffekten, wie etwa MG-Feuer, Gewitter und Sirenen, die sich auf eine äußerst beruhigende Synthesizerfläche legen, begrüßt mich und ich fühle mich auf die Musik schon ein wenig vorbereitet. Der Augenblick der Ruhe endet unmittelbar nach dem Intro und ab Song zwei bricht die Platte, respektive die Hölle im Innenraum meines treuen Weggefährten los. Doch bevor ich versuche, dieses Erlebnis näher zu schreiben, muss ich noch eine ganz kurzen Exkurs in ferne Länder voranstellen:
England – Great Britain! Was weiß ich denn so alles über England? Insel, okay – nix neues. Konstitutionelle Monarchie, Erfinder des salzigen Puddings, Probleme auf der rechten Seite zu fahren, schlechter Modegeschmack und sehr zurückhaltende Bevölkerung, wenn ich die pöbelnden Malle-Urlauber und die wenigen gewaltbereiten Hooligans mal ausklammere. All diese Klischees haben sich im Laufe der Jahre so in unserer Gesellschaft festgesetzt und dann sowas:
HUNTED klingen so wenig britisch, wie ich jemals Kanzler unserer Republik werden kann.
Hach, ich schweife ab – zurück in mein Auto. Der zweite Song ist gerade mal 42 Sekunden alt, da macht mir ein zweistimmiges Sweep-Picking unmissverständlich klar: Jetzt gibts was auf die Ohren. Damit lässt der Gesangspart auch gar nich mal so lange warten. Erinnert mich zwar sofort an Glam-Rock der 80er, weil der Sänger irgendwo jenseits des zweigestrichenen C ansetzt, aber das trübt kein wenig die Freude über den Song.
Spätestens ab Song drei stellt sich heraus, dass Hunted (gejagt) locker die Rolle des Jägers übernommen haben und mich mit ungeheuer präzisen Gitarrenriffs und einem wahrhaften Trommelhagel auf dem tiefen Kessel schier sprachlos machen. Die zehn minus eins Tracks (das Intro mal ausgenommen) sind so gnadenlos durcharrangiert, dass sie an Abswechslungsreichtum nicht zu übertreffen sind. Jeder Abschlag, jeder Akkordwechsel, jede Tonartwechsel erscheint als ständige Überraschung und wenn man mal überzeugt ist, dass ein Song seinen Höhepunkt erreicht hat, legen die Jungs von HUNTED einfach nochwas nach und damit hat sich der Hörer dann auch abzufinden.
Das ganze Album kommt erstaunlich symphonisch und lässt mich an meine alten Rhapsody-Zeiten zurückdenken. Wunderschöne Gitarrenparts, oftmals zweistimmig gespielt, reihen sich an gezielte Disharmonieen, wechseln in ein excellentes Stakkato, um dann in kurzen Clean-Parts erneut Luft zu holen und schon heißt es wieder: “Abfahrt“.
Die sehr gut ausgebildete Gesangsstimme bleibt trotz des hohen Maßes an Progressivität ständig “Herr der Lage” und passt so endlos formschlüssig ins Gesamtkonzept, dass mir manchmal wirklich die Spucke wegbleibt. Insbesondere die teilweise traumhaften Refrain-Melodien fügen sich in das ansonsten so wuchtige Musikgewitter wie ein Regenbogen, der Hoffnung auf einen sonnigen Tag verspricht.
Bestimmende Elemente von HUNTED sind die zwei (manchmal auch drei) Gitarren und zweifelsohne das Schlagzeug. Da ich nur wenig Schlagzeug spielen kann, möchte ich das einfach mal laienhaft mit: Ganz, ganz, ganz geil bewerten.
Gitarrenseitig muss ich neidlos anerkennen, dass hier zwei recht begabte Kerle am Werk sind, wenn ich das mal so derbe ausdrücken darf. Hier gibts alles, was das moderne Gitarrenspiel im Repertoire hält. Hier vermisst man nichts, weder Squeelies, noch zweistimmige Soli, noch mehrstimmige Sweep-Pickings. Die beiden Gitarristen wechseln sich mit ihren vielseitigen Effekten so clever ab, dass eigentlich immer etwas los ist. Oder aber sie dreschen so präzise wie ein schweizer Uhrwerk Stakkato-Parts ab, dass es einfach nur Spaß macht. Der Sound ist generell super differenziert und das Arrangement wirkt nicht überladen. Besonders erwähnenswert ist, dass ein Großteil der Soli, die sich übrigens von schnellem Griffbrett-Gewixe bis hin zum gefühlvollen Intonieren einzelner Melodieteilen erstrecken, vorwiegend auf dem Halspick-up gespielt sind, was die Gitarre so wunderschön singen lässt.
Richtig gnadenlos unterfüttert der Schlagzeuger die stellenweise fragilen Gitarrenparts und der Bass scheint mir der Klebstoff zu sein, der die gesamte Tonvielfalt zu einer äußerst homogenen Masse zusammenhält. Den Gesang möchte ich dann gerne, um das Bild zu vervollständigen, als Salz im Pudding anführen. Ganz ohne Frage klingt das gesamte Album wirklich groß, abwechslungsreich und technisch ausgefeilt.
Auch auf die Gefahr hin, dass HUNTED niemals den Ritterschlag der Queen entgegen nehmen, so nehmen sie sich auf dem Album auf jeden Fall eines: Zeit! Die Songs kommen selten mit radioverträglichen 3:30 aus, sondern beschäftigen den Hörer schon mal gerne doppelt so lang. Besonders interresant ist dabei, dass trotz der Songlänge absolut keine Langeweile aufkommen will. In Sachen Progressivität spielen HUNTED wohl locker in der Liga in der unter anderem auch DREAM THEATER mal gerne das Feld betreten ohne dabei hektisch oder nervig zu werden.
Fazit
HUNTED haben mit ihrem ersten Album ganz klar gezeigt, dass sie nicht die gejagten sind, sondern sich musikalisch tatsächlich auf dem Kriegspfad befinden. Wer “Welcome the Dead“ in seinen CD-Player schiebt, braucht nicht zu fürchten, den Tod Willkommen geheißen zu haben, sondern vielmehr 10 Tracks, die grenzenlos progressiv, lebhaft, ausgewogen und einfach schön sind. Leute, die gerne klassisch angehauchten Gesang in technisch anspruchsvolle Musik gebettet hören, werden diese Scheibe mit Sicherheit als eine Bereicherung im CD-Regal ansehen. Ich persönlich bete zu meinem Rock-Gott, dass HUNTED dranbleiben und irgendwann mal in Deutschland eine Bühne bevölkern, denn das muss ich mal live sehen.
Wermutstropfen
Die Qualität der vorliegenden Datei ernüchtert insofern, als dass sie scheinbar mit einem etwas üppigen Mastering daherkommt, denn mit zunehmender Lautstärke zerrt es sehr schnell und da konnten die verschiedensten Anlagen auch nichts helfen, leider. Vllt. laden mich die Jungs auch zu ner signierten Original – CD ein, dann ist alles wieder gut ;-)
Guys, you did it totally right. Stay tuned, rock on, fuck all talk-shows…
ROMAN
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